26.06.2011 – Weser Kurier
Wo der ostfriesische Adel zu Hause ist
Tido Graf zu Inn- und Knyphausen lebt im Schloss Lütetsburg / Parkanlage mit 150 Baum- und Straucharten
VON YVONNE NADLER
Lütetsburg. Acht Kilometer von der ostfriesischen Küste entfernt, in der Weite zwischen Watt und Moor, liegt das Schloss Lütetsburg. Ein Backsteinbau umgeben von einem Wassergraben inmitten einer riesigen Parkanlage, in der es 150 Baum- und Straucharten, alte Gebäude und Staffagen zu entdecken gibt. Die Anlage im Landkreis Aurich steht für 400 Jahre Adelsgeschichte. Auch heute noch ist der Schlosspark Lütetsburg ein Adelssitz. Tido Graf zu Inn- und Knyphausen gehört zu einem der ältesten Adelsgeschlechter Ostfrieslands. Seinen 30 Hektar großen Garten können Interessierte besichtigen.
Folkert Fischer hat sich intensiv mit der Geschichte des Lütetsburger Adelsgeschlechts befasst. 41 Jahre hat der heute 79-Jährige im Schlosspark als Gärtner gedient und danach im Ruhestand in Archiven gekramt. Heute kann er sogar davon erzählen, wie das erste Schloss in Lütetsburg aussah. „Manchmal glaube ich, ich hätte schon in diesen Zeiten gelebt“, sagt er.
Die Anfänge des Schlosses Lütetsburg gehen auf das Jahr 1212 zurück, erzählt Fischer. Damals errichtete Lütet I., der dem ostfriesischen Häuptlingsgeschlecht der Manningas angehörte, ein Steinhaus, das in kriegerischen Zeiten als Rückzugsort dienen sollte. Jahre später baute Lütet II. es zu einem Wasserschloss aus, das er Lütetsburg taufte. Lütetsburg, so nennt sich heute auch der Ort, in dem sich der Schlosspark befindet.
Die Anlage zählt zu den größten privaten englischen Landschaftsgärten Norddeutschlands. Das Schloss wurde im Laufe der Jahre durch Brände und Angriffe häufig zerstört. Die Grundmauern des heutigen Schlosses und auch der Kern des aufsteigenden Mauerwerks stammen noch aus dem Jahre 1373. Der üppige Vorbau, von dem man über eine Brücke zum eigentlichen Schloss gelangt, stammt aus dem Jahre 1588. In einem Teil wohnt heute die Mutter von Graf Tido, der Rest ist ein Veranstaltungssaal, den man für Feste mieten kann.
„Die Parkanlage wurde lange Zeit lediglich als Garten genutzt“, sagt Fischer. Am meisten hat sich Edzard Mauritz zu Inn- und Knyphausen um den Schlosspark Lütetsburg verdient gemacht. Im Jahre 1790 entschloss er sich, den Park gründlich umzustrukturieren. Denn der Barockgarten war in den Jahren zuvor sehr wüst geworden. Unter Edzard Mauritz’ Anleitung verwandelte er sich in eine zusammenhängende, natürlich gestaltete Landschaft. Der Graf ließ neue ausländische Bäume und Gebüsch pflanzen, Kanäle und Teiche ausheben und kleine Hügel errichten. Später kamen auch kleine Bauten und Staffagen hinzu, so eine Steinpyramide zum Gedenken an seine Mutter und seine verstorbene erste Frau, der Freundschaftstempel, welchen er einem guten Freund widmete.
Noch heute sind viele Relikte dieser Zeit zu besichtigen. In der großen Anlage könnte man sich fast verlaufen. Es gibt keine Schilder, die die Arten der Bäume ausweisen. Für Fischer macht das nichts, er kennt alle Bäume. Auch exotische Arten sind darunter, zum Beispiel Gingko oder kanadischer Ahorn. Die Sandwege schlängeln sich an den Sträuchern und Bäumen entlang. Dass der Park noch heute so gut erhalten ist, hat sicherlich auch etwas mit der Arbeit zu tun, die Fürst Wilhelm Edzard hier hineinsteckte. Bereits mit 23 Jahren übernahm er im Jahr 1931 die Anlage und beschloss den Park zu sanieren. Wilhelm Edzard erlebte in den kommenden Jahren eine schwere Zeit: seine drei Geschwister starben. Ein Schicksalsschlag ist auch dem ehemaligen Gärtner Fischer in Erinnerung geblieben: Bei einem Luftangriff fielen im Zweiten Weltkrieg 150 Bomben auf die Burg und ihre Umgebung. Zwei Mitarbeiter der Gärtnerei kamen ums Leben. In den Jahren 1944, 1948 und 1952 wurde die Gärt-erei wieder aufgebaut.
Die Zeit, in der der Garten und Anbau unter Wilhelm Edzard ausgebaut wurden, hat Fischer intensiv miterlebt. Gern erzählt er davon. „Wir waren jeden Tag draußen“, sagt er. Fischer kann sich noch gut an eine Situation erinnern. Damals wollte Wilhelm Edzard eine Bank im Park aufstellen lassen. Strikte Vorgabe: Von der Sitzgelegenheit aus sollte man einen perfekten Blick auf die Schlossanlage haben. Sie liegt heute noch direkt auf der Mittelachse der Anlage. Sie ist 880 Meter lang und verläuft vom Eingangstor des Schlosses bis dorthin, wo der Park endet und die weiten Felder Ostfrieslands beginnen. Wilhelm Edzard war sehr ordnungsliebend und detailverliebt. „Das hätte es beim Fürsten nicht gegeben“, sagt Fischer und deutet auf eine Brennnessel am Wegesrand.
Großbrand beendet Prunk
Noch unter Wilhelm Edzard brannte das Schloss am 22. März 1956 erneut komplett aus. Die Flammen vernichteten auch die große Bibliothek. „Der Schaden wurde auf damals 1,2 Millionen Mark geschätzt“, sagt Fischer. Mit dem Großbrand waren auch die Zeiten des Prunks vorbei. Das Schloss wurde nicht in seiner ursprünglichen Form wieder aufgebaut. Stattdessen steht in Lütetsburg seit 1961 ein schlichter Backsteinbau. Graf Tido wohnt dort mit seiner Frau und vier Kindern. Einer der Söhne feiert beim Besuch gerade Geburtstag. Vormittags trifft man den Grafen deshalb mit seinem Lastenfahrrad durch den Park radeln. Er bereitet die Schnitzeljagd für die jungen Gäste vor. Wie seine Vorgänger hat sich auch Graf Tido einem großen Projekt gewidmet. Vor drei Jahren hat er damit begonnen, neben der Parkanlage einen Golfplatz anzulegen.
Obwohl Folkert Fischer als ehemaliger Gärtner jeden Winkel des Schlossparkes kennt, kommt er häufig hierher. Meistens sonntags am Vormittag, wenn der Besucherandrang noch nicht so stark ist. Manchmal setzt Fischer sich auch einfach nur auf eine Bank, auf der sich schon Wilhelm Busch ausruhte. Dann schwelgt er in Erinnerungen. So wie heute, beim Rundgang mit seiner Besucherin: „Wo ist nur die Zeit geblieben?“, fragt Fischer. Der Schlosspark Lütetsburg hat sie an manchen Stellen nicht nur für ihn angehalten.
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Carla Reckling
der Leuschner.Creativbüro
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